Stellungnahme von Ultra Sankt Pauli zu den Ereignissen nach dem Heimspiel gegen Rot Weiß Erfurt

Angriff auf den Fanladen- gemeint sind wir alle! Stellungnahme zum 17.11.2006

Am Freitag, 17. November, kam es zu einem in dieser Dimension nicht
vorher da gewesenen Angriff auf den von USP organisierten Marsch und
Besucher des Fanladens. Des Weiteren wurde die Unantastbarkeit der
Institution Fanladen massiv mit Füßen getreten. Um eine genaue
Übersicht zum Ablauf des Abends zu geben, wollen wir nachfolgend das
Ganze chronologisch auflisten um die Tragweite der Vorfälle
aufzuzeigen:

Um eine Eskalation mit den zahlreich anwesenden und schon vor dem
Spiel negativ aufgefallenen Gästefans sowie der Polizei zu vermeiden,
blieb Ultrà Sankt Pauli nach dem Spiel noch eine dreiviertel Stunde
länger am Stadion. Somit sollte gewährleistet sein, dass die
misslungene Taktik der Polizei aus den letzten Wochen nicht erneut
dazu führt, dass Heim- und Gästefans auf der Budapester Straße
aufeinander treffen und es zu Eskalationen zwischen den verschiedenen
Fangruppen kommt. Als sich der Marsch mit großer zeitlicher
Verzögerung in Bewegung setzte, waren sämtliche Erfurter schon auf
dem Kiez oder in den S- und U-Bahnen bzw. in ihren Bussen. Dies
konnte aus verschiedensten Gesprächen der Polizeibeamten
untereinander entnommen werden.

Nichts desto trotz wurde die Budapester Straße von zwei
transportablen Flutlichtmasten erhellt, an beiden Seiten standen
Wasserwerfer und von Beginn an wurde die ca. 300 Personen große
Gruppe von einem zweireihigen, doppelseitigen Spalier begleitet.

An der Kreuzung Detlef-Bremer- und Clemens-Schultz-Straße, direkt
vor der Kneipe „Café Miller“, gab es eine Streitigkeit zwischen
herumstehenden Personen und einem Autofahrer, welcher wild in die
Menge fuhr, immer wieder vor- und zurücksetzte und damit in Kauf
nahm, Anwesende zu verletzen. Einer der Herumstehenden soll dort die
Seitenscheibe des Wagens eingeschlagen haben – zu diesem Zeitpunkt
befand sich die Spitze des Marsches jedoch noch an der Einmündung
Budapester Str./ Clemens-Schultz-Str., also etwa 50 Meter vom „Café
Miller“ entfernt. An der betreffenden Kreuzung angekommen, entstand
kurzzeitig Verwirrung ob eines eventuellen Angriffes von Erfurtern,
da die Polizei den Marsch in zwei Teile spaltete und bereits hier die
Teilnehmer massiv bedrängte und schlug. Der deeskalierenden Einwirkung
eines Fanladenmitarbeiters und verschiedenen USPlern ist es zu
verdanken, dass der Marsch sich nicht provozieren ließ und seinen
gewohnten Weg durch die Annenstraße fortsetzten konnte. Bereits hier
konnten Gespräche zwischen verschiedenen Polizeieinheiten mitgehört
werden, welche auf absolute Unkenntnis der Örtlichkeiten schließen
ließ. Offensichtlich wussten einige Polizisten weder wen sie dort
begleiteten, noch wo sie waren („Ist das der Hans Albers Platz?“),
oder wohin die Reise gehen sollte.

Höhe Hein-Hoyer-/ Annenstraße reihte sich eine weitere
Polizeieinheit vor den Marsch ein und bewegte sich im Laufschritt die
Brigittenstraße hoch. Kurz vor dem Marschende zählten die ersten
Reihen lachend von zehn herunter und liefen die letzten Meter am
Paulinenplatz vorbei bis zum Parkplatz vor dem Fanladen. Dieses
„Ritual“ wurde von USP schon häufiger benützt, ohne dass es hierbei
zu Zwischenfällen kam. Am Freitag nahm eben jene Einheit dies zum
Anlass von ihrem Standort auf Höhe des Kinos B5 auf den
Fanladeneingang zuzurennen und unter Einsatz ihrer Schlagstöcke
wahllos auf alle einzuschlagen, die in ihrer Reichweite waren. Obwohl
viele der Betroffenen die Hände sichtbar über ihre Köpfe hoben, wurde
weiterhin auf die Leute eingeprügelt. Nachrückende Personen aus dem
Fanladen wurden ebenfalls attackiert, sowohl durch Schlagstöcke als
auch durch Pfefferspray. Nach minutenlangen Auseinandersetzungen,
wobei es vereinzelt zu Flaschenwürfen aus dem Pulk kam, zog sich die
betreffende Einheit Richtung Gilbertstr. zurück. Dieser Einsatz hatte
zahlreiche Verletzungen zur Folge: Ein Sankt Paulianer erlitt eine
Schädelprellung, verlor für mehrere Stunden seinen Gleichgewichtssinn
und konnte auf einem Ohr nicht hören. Unzählige Personen hatten mit
den Folgen des Pfeffersprays zu kämpfen, selbst ein Vater mit seinem
sechsjährigen Sohn auf dem Rücken ist geschlagen worden.

In der nächsten dreiviertel Stunde sammelten sich nun
Polizeieinheiten in den umliegenden Straßen. Aufmerksame Beobachter
hatten das Gefühl, dass der Fanladen gekesselt werden soll, da die
Polizei Straßen absperrte. Das Ziel sollte wohl eine
Personenkontrolle in größerem Stil sein.

Die Einheit der Polizei, welche den Schlagstockeinsatz zuvor begann,
wartete immer noch in der Bleicherstraße, also nur wenige Meter vom
Fanprojekt entfernt. Um ca. 23 Uhr, das Spiel und der Vorfall waren
schon fast 2 Stunden vorbei, wurde von der Polizei tatsächlich der
Fanladen gekesselt, und es gab die Ankündigung den Fanladen zu
betreten um eine Person wegen Beamtenbeleidigung festzunehmen.

Hatte die Polizei an diesem Abend bereits mehrmals das Maß absolut
überschritten, drang sie nun auch noch in die Räume eines
sozialpädagogischen Projekts ein, welches seine Unantastbarkeit zu
bewahren hat, um bestmögliche Arbeit leisten zu können. Circa 10-15
uniformierte Polizisten betraten den Fanladen, nahmen dort von allen
Anwesenden die Personalien auf und fotografierten sie. Davon
betroffen waren nicht nur diverse Sankt Paulianer von außerhalb und
Erfurter Fans, sondern auch ein Mitarbeiter des Fanladens, sowie eine
Person aus dem Vorstand von Jugend und Sport e.V., dem Trägerverein
des Fanladens. Zudem trat die Polizeieinheit, die den Marsch
attackiert hatte, erneut in Erscheinung und betrat ihrerseits den
Fanladen, um dort den Keller noch einmal zu durchsuchen. Auch hier
blieb die Suche, nach wem oder was auch immer, erfolglos.

Während dieser absolute Skandal im Fanladen vonstatten ging, spielte
sich in den umliegenden Straßen ein weiterer ab. Über den Zeitraum
einer halben Stunde machten Polizeieinheiten in Autos und zu Fuß dort
Jagd auf einzelne Sankt Paulianer auf dem Nachhauseweg. Hierbei wurde
in mindestens einem Fall ein Jugendlicher in ein Auto gezwungen und
ihm dort mehrmals mit Schlägen und Festnahme gedroht, sobald er sich
bewege. Eine Person wurde mit der Androhung von der Schusswaffe
Gebrauch zu machen zum Stehen bleiben aufgefordert, an anderen
Stellen jagten Polizisten Sankt Paulianer mit offener Autotür durch
das Viertel.

Dieser Vorfall reiht sich in die jüngere Geschichte ein. So wurden
einem jungen Sankt Paulianer nach dem Osnabrück-Spiel durch einen
Polizeibeamten mit protektorenverstärktem Handschuh das Jochbein und
der Kiefer gebrochen, sowie 4 Zähne ausgeschlagen.

Nicht nur das unverhältnismäßig gewalttätige Auftreten der Polizei
ist zu verurteilen, insbesondere muss die Taktik der Einsatzleitung,
die Taktik des Herrn Polizeioberrat Matthias Tresp, hinterfragt
werden. Eingesetzte Beamte sind uninformiert über den Weg und das
Ziel des Marsches, dessen Teilnehmer werden durch ein martialisches
Aufgebot an Einsatzkräften und schwerem Gerät kriminalisiert.

Das 16 Jahre alte Fanprojekt – der Fanladen St. Pauli – wird in
seiner sozialpädagogischen Arbeit behindert, indem man die
Räumlichkeiten erstürmt und somit der gesamten Fanszene einen
geschützten Rückzugsraum nimmt. Ebenfalls muss die Arbeit der
zivilgekleideten Szenekundigen Beamten hinterfragt werden. Ihre
angebliche Szenekundigkeit hätten sie deeskalierend einsetzen können
und müssen, um zu klären, dass der Fanladen kein Angriffsziel für die
ankommenden Sankt Paulianer darstellt, sondern das Ziel ihres Marsches
ist.

*Auch nach dem Magdeburgspiel wird es wieder einen Marsch gemeinsam
mit den Stadionverbotlern vom Stadion zum Fanladen geben, wie nach
jedem Heimspiel seit Sommer 2004. Er startet kurz hinter dem
AFM-Container in Höhe des Telekomgebäudes.
Am Marsch zum Fanladen nehmen erfreulicherweise nicht mehr nur
USPlerInnen teil, sondern seit geraumer Zeit auch viele andere
Fangruppen und Einzelpersonen. Ein weiteres Ansteigen der
Teilnehmerzahl, insbesondere nach dem Magdeburgspiel, wünschen und
erhoffen wir uns nun von der Sankt Pauli Fanszene. Wir werden uns,
wie bereits die letzten 2 Heimspiele, deutlich später in Bewegung
setzten, um eine Konfrontation mit den Gästefans zu vermeiden. Wir
werden geschlossen auf der Straße gehen und laut unsere Solidarität
mit dem Fanladen kundtun um zu zeigen, dass wir einen Angriff auf
unser Fanprojekt nicht akzeptieren.
Lasst uns zeigen, dass nicht wir es sind, die beständig die
Eskalationsschraube anziehen.
Der Marsch ist friedlich, Provokationen seitens der Polizei werden
keine Beachtung finden.
Beweisen wir, dass Sankt Pauli auf Repressionen und Polizeigewalt
mit einer viel stärkeren Waffe antwortet: mit braun- weißem
Zusammenhalt.

Freiheit für die Fans! Der Fanladen bleibt unantastbar! Gegen
Polizeigewalt und willkürliche Repression!

27. November 2006

Quelle:www.ultra-stpauli.com

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